Faustina Bordoni
(1697-1781)

Primadonna assoluta

Faustina Bordoni, Primadonna assoluta der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wurde am 30. März 1697 in Venedig geboren. Sie stammte aus einfachen Verhältnissen, wuchs aber als Tochter eines Kammerdieners, in vornehmer Umgebung auf und gelangte früh unter die Protektion vermögender Adliger und Künstler. Unter den Personen, durch die sie gefördert wurde, werden die Adlige Isabella Renier Lombria, der Komponist und Gesangslehrer Benedetto Marcello, der Kastratensänger Antonio Maria Bernacchi und der Sänger und Gesangslehrer Michel Angelo Gasparini genannt.


Vivaldi, Lotti, Albinoni, Caldara, Pollarolo, Ruggeri, auch Giovanni Porta waren zu dieser Zeit als Komponisten in Venedig. Faustina debütierte spätestens 1716 im Theater San Giovanni Grisostomo (dem heutigen Teatro Malibran) in Venedig in einer Oper von Pollarolo und trat bald in Opern von Bononcini, den Brüdern Gasparini, Lotti, Orlandini, Pollarolo Vater und Sohn, Vinci und anderen auf, nicht nur in Venedig, sondern auch in Reggio Emilia, Mailand, Bologna, Florenz, Parma und Neapel. Im Ausland sang die junge Faustina vor allem zwischen 1723 und 1728 in München, Wien und London. In London sang sie vornehmlich in Händel-Opern und stand zusammen mit Francesca Cuzzoni sowie den berühmtesten Kastratensängern der Zeit auf der Bühne. 1728 kehrte sie nach Italien zurück. Wann sie dort Johann Adolf Hasse persönlich kennenlernte, ist unklar.

Man sollte meinen, dass er sie zumindest schon viel früher auf der Bühne gesehen hatte. Im Mai 1730 sang sie in Hasses Oper Dalisa und schon im Juli 1730 waren die beiden ein Paar. Es ist nicht übertrieben, Faustina und Johann Adolf Hasse das berühmteste Künstlerehepaar des 18. Jahrhunderts zu nennen. Für mehr als 20 Jahre wurde Faustina zur ersten und besten Interpretin der Werke ihres Mannes, der seinerseits in seinen Opern, anderen Theaterstücken, Kantaten und Oratorien Verse so vertonte, dass die stimmlichen Fähigkeiten Faustinas optimal zur Geltung kamen.

Die Tätigkeit Faustinas in Dresden hatte 1731 mit höchst erfolgreichen Privatkonzerten (darunter einer leider verlorenen Kantate La gloria Sassonia) am Hofe Augusts des Starken und der triumphalen Uraufführung der Cleofide, Hasses Oper nach Metastasio, begonnen.

In 23 Opern Hasses, in Hof- und Kammerkonzerten und in Oratorien sang Faustina dann während der Herrschaft Friedrich Augusts II. (als August III. König von Polen) in Dresden und in Hubertusburg zwei Jahrzehnte lang.
Dank großzügiger Arbeitsbedingungen konnte sie auch, ebenso wie ihr Mann, im Ausland auftreten, so in Venedig und Paris. Den Abschied von der Bühne nahm sie 1751 nach 35 erfolgreichen Jahren in Hasses Oper Il Ciro riconosciuto. Sie lebte dann mit ihrem Mann in Dresden, Wien und Venedig, wo sie am 4. November 1781 zwei Jahre vor ihrem Mann und wie dieser im 85. Lebensjahr starb. Ihr Gesangstalent hatten in gewissem Maße auch ihre beiden Töchter Maria Josepha und Maria Christina sowie vor allem zwei Enkelinnen, Töchter ihres Sohnes Francesco Maria, die Karriere an der Wiener Oper machten.

Faustina war sicher eine faszinierende, umworbene, aber auch diskriminierende und vornehme Persönlichkeit. In London wurde sie schon vor 1726 als Nuova Sirena angekündigt. Sie war den Kastraten, mit denen sie oft gemeinsam auftrat, ein ganz gleichwertiger Partner. Wenn man betrachtet, wie viele gemeinsame Auftritte sie mit Francesca Cuzzoni hatte, so muss man die penetrante Heraushebung des berühmten Primadonnenstreits von 1727 doch wohl als Betonung des Untypischen ansehen. Die Faszination Faustinas reicht weit ins 19. Jahrhundert: E. Th. A. Hoffmann skizzierte um 1804 eine Oper Faustina, vom Komponisten Louis Schubert gibt es eine Oper Faustina Bordoni und der Schweizer Joachim Raff (1822 – 1882) beendete 1878 eine Oper „Benedetto Marcello“, die 2002 in Bad Urach zur (konzertanten) Uraufführung kam und die entscheidende Begegnung Faustinas mit Adolf Hasse zum Gegenstand hat. Dissertationen liegen von Margarete Högg (1930) und Saskia Woyke (1997) vor. Die großen Porträts im Londoner Händel-Haus und im Palazzo Ca’ Rezzonico in Venedig sowie die Pastelle der Dresdner Galerie Alte Meister erinnern eindrücklich an die große Künstlerpersönlichkeit.