Die Renten des Ehepaares Hasse waren durch Abfindungen abgegolten worden, so kam Hasse mit seiner Frau und seinen Töchtern als freier Künstler 1764 in Wien an, 65jährig.

Rückblende auf den 5. August 1762, während des Siebenjährigen Krieges: Denkwürdige Aufführung der Lauretanischen Litanei mit den Mitgliedern der Kaiserlichen Familie. Soli sangen: die Kaiserin Maria Theresia und ihre Kinder, die Erzherzoginnen Maria Anna, Christina, Elisabeth, Amalia, Johanna, Josepha, Antonia, der Erzherzog Leopold; Orgel spielte: der Erzherzog Joseph (der spätere Kaiser  Joseph II.); im Tutti sangen mit: die Erzherzöge Ferdinand und  Maximilian. Es war dies keine Musik für Dilettanten: Hasses Musik ist auch hier absolut anspruchsvoll und verlangt eine gediegene musikalische wie sängerische  Ausbildung.
Die Kaiserin hatte eine solche unter anderem von Hasse selbst erfahren. Hasse leitete die Aufführung von der zweiten Orgel aus.

In Wien war Hasse gesuchter Ratgeber, Komponist und Lehrer. Für die Mozarts war er der „Musick-Vatter”, für Haydn „nicht nur musikalischer, sondern geistiger Vater”, für Maria Theresia und ihre Kinder der vertraute Ratgeber, Lehrer, Komponist für zahlreiche höfische Feiern.

Die Wiener hörten seine berühmt gewordenen neuen Fassungen zweier Dresdner Oratorien. Mit dem Intermezzo tragico Piramo e Tisbe brachte Hasse 1768 ein zukunftweisendes Meisterwerk heraus, Ovids antike Geschichte von Romeo und Julia erzählend.
1769 entstand als Hochzeitsode für den Hof in Schönbrunn die Kantate L’Armonica, das erste Werk (und eines der schönsten) für obligate Glasharmonika, gerade erfunden von Benjamin Franklin, ausgeführt von dessen Nichten Cecilia und Mary Ann Davies, die bei den Hasses wohnten und studierten.
Auf seiner musikalischen Europareise besuchte Charles Burney 1772 in Wien die Hasses wie auch Metastasio (und in Bologna Farinelli) und urteilte: „Hasse ist der verständigste, natürlichste und eleganteste der jetzt lebenden Komponisten… er ist gleichermaßen ein Freund der Poesie und des Gesanges…Hasse und Metastasio sind zwei Hälften eines Ganzen…”

Hasse und Metastasio bedeuteten den Gipfel der Opera seria im 18. Jahrhundert. Faustina und Farinelli waren Künstler, mit denen diese Musik ihre ideale Erfüllung fand.